Als Gernot Raffelsberger vor dreißig Jahren mit seinem ersten Fernrohr auf den Hügel hinter seinem Elternhaus stieg, sah er die Milchstraße als hellen Streifen über dem Wald. Heute steht der Astronom, der an einer Wiener Universitätssternwarte die Helligkeit des Nachthimmels misst, an derselben Stelle und erkennt den Streifen nur noch in wenigen Nächten im Jahr. „Der Himmel ist nicht schlechter geworden“, sagt er. „Wir haben ihn zugedeckt, mit Licht.“ Nach seinen Messungen nimmt die künstliche Helligkeit über Österreich jedes Jahr um etwa sechs Prozent zu. Das klingt nach wenig, bedeutet aber, dass sie sich innerhalb von zwölf Jahren verdoppelt.
Verantwortlich dafür sind längst nicht nur Straßenlaternen. Auch beleuchtete Firmengelände, Parkplätze von Einkaufszentren und angestrahlte Kirchtürme tragen dazu bei, vor allem aber Leuchten, die ihr Licht nicht nach unten, sondern zur Seite und nach oben abgeben. Dort nützt es niemandem. In Mitteleuropa kann inzwischen die Mehrheit der Menschen die Milchstraße von zu Hause aus gar nicht mehr sehen.
Ein Problem, das man nicht hört
Dass die Lichtverschmutzung so lange kaum beachtet wurde, hat für Raffelsberger einen einfachen Grund: Sie stört niemanden unmittelbar. Lärm hört man, Abgase riecht man, zu viel Licht dagegen empfinden die meisten Menschen als angenehm, ja sogar als beruhigend. Dabei warnen Astronomen schon seit den Achtzigerjahren vor der Entwicklung.
Mit anderen Augen sieht das Lukas Tschernutter. Der Insektenforscher untersucht an einem Grazer Forschungsinstitut, was nachts an Laternen geschieht. „Eine einzige Straßenleuchte kann in einer Sommernacht Hunderte Insekten anlocken“, erklärt er. „Die meisten kreisen so lange um die Lampe, bis sie erschöpft sind oder gefressen werden.“ Diese Tiere fehlen dann als Bestäuber, und sie fehlen Vögeln und Fledermäusen als Nahrung. Tschernutter betont allerdings, das Licht sei nur eine von mehreren Ursachen für das Insektensterben, die intensive Landwirtschaft und der Verlust von Lebensräumen wögen schwerer. „Aber das Licht ist die Ursache, die sich am schnellsten beseitigen lässt. Man muss nur einen Schalter umlegen.“
Dunkler, aber nicht unsicherer
Dass es auch anders geht, zeigt eine Marktgemeinde im Waldviertel. Heuer* hat sie als eine der ersten Gemeinden Niederösterreichs ihre gesamte Straßenbeleuchtung erneuert. Geplant hat das die Lichtplanerin Sabine Hörtnagl. Die neuen Leuchten strahlen nur nach unten, ihr Licht ist wärmer und weniger bläulich, und zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh werden sie auf ein Drittel ihrer Helligkeit gedimmt.
Vor der Umstellung gab es Widerstand: Bei einer Bürgerversammlung fürchteten viele Bewohnerinnen und Bewohner, dass häufiger eingebrochen werde und dass man sich auf dem Heimweg nicht mehr sicher fühle. Hörtnagl hält dagegen: „Sicherheit entsteht durch gleichmäßiges Licht, nicht durch grelles. Wer von einer zu hellen Lampe geblendet wird, sieht im Schatten daneben gar nichts mehr.“ Ein Jahr später meldet die Polizei keine Zunahme bei den Einbrüchen, und die Gemeinde spart rund sechzig Prozent der Stromkosten für die Beleuchtung.
Der Himmel als Ausflugsziel
Ein Ergebnis hatte allerdings niemand vorausgesehen. Seit sich herumgesprochen hat, dass man im Ort wieder Sterne sieht, kommen an klaren Wochenenden Gäste aus Wien und Linz, um mit Ferngläsern und Decken auf den Wiesen zu liegen. Ein Gasthaus bietet bereits Sternführungen an, die regelmäßig ausgebucht sind.
Raffelsberger freut das, er warnt aber vor zu großen Erwartungen. Eine einzelne Gemeinde könne den Himmel nicht retten, solange die Lichtglocke der nächsten Stadt bis weit ins Land reiche. Nötig seien verbindliche Regeln für alle, etwa für Werbetafeln, die die ganze Nacht hindurch leuchten. „Bisher“, sagt er, „ist die Dunkelheit das einzige Naturgut, das wir ohne jedes schlechte Gewissen verbrauchen.“