Fast zweihundert Jahre lang war der „Goldene Hirsch“ der Treffpunkt von Hollerberg, einem Dorf mit knapp neunhundert Einwohnern im Mühlviertel. Hier spielte man nach der Sonntagsmesse Karten, hier feierte man Taufen und Geburtstage, hier probte die Blasmusik. Vor drei Jahren war plötzlich Schluss: Der alte Wirt ging in Pension, und für das Haus fand sich kein Käufer.
„Ohne Wirtshaus stirbt ein Dorf langsam“, sagt Hermine Hölzl. Die pensionierte Volksschuldirektorin lud damals zu einer Versammlung in den Pfarrsaal ein. Sie rechnete mit dreißig Leuten, es kamen über zweihundert. Noch am selben Abend war die Idee geboren: Die Hollerberger kaufen ihr Wirtshaus selbst.
Sie gründeten eine Genossenschaft. Ein Anteil kostet fünfhundert Euro, und wer einen Anteil hat, darf bei wichtigen Entscheidungen mitbestimmen. Innerhalb von vier Monaten kamen so 380.000 Euro zusammen, den Rest lieh die Bank. „Manche haben zehn Anteile gekauft, andere nur einen“, erzählt Hölzl, „aber jede Stimme zählt gleich viel.“
Für die Renovierung war dann kein Geld mehr übrig. Also packten die Mitglieder selbst an: Ein Elektriker aus dem Ort verlegte neue Leitungen, Jugendliche aus der Polytechnischen Schule strichen die Wände, und ein pensionierter Tischler reparierte die alten Holzbänke. Fast ein Jahr lang wurde gearbeitet, meistens an den Wochenenden.
Einen Wirt mussten sie aber trotzdem suchen, denn ehrenamtlich lässt sich ein Gasthaus nicht führen. Gefunden haben sie Florian Mayrhofer, einen jungen Koch aus Linz, der vorher in einem Hotel in Salzburg gearbeitet hat. Er pachtet das Haus von der Genossenschaft und kocht mit Fleisch, Gemüse und Käse von Bauern aus der Umgebung. „In der Stadt war ich einer von vielen“, sagt er. „Hier kennt mich jeder. Das ist manchmal anstrengend, aber meistens schön.“
Reich wird mit dem „Goldenen Hirsch“ niemand. Die Genossenschaft zahlt keine Gewinne aus, was übrig bleibt, fließt zurück ins Haus. Inzwischen haben sich Gemeinden aus Niederösterreich und Kärnten gemeldet, die das Modell übernehmen möchten. Hölzl freut sich darüber, warnt aber auch: „Geld allein rettet kein Wirtshaus. Man braucht Leute, die mitarbeiten, und Leute, die auch wirklich hingehen.“