Mittagessen mit sechzig Jahren Unterschied
In einem Göttinger Seniorenheim essen seit einem Jahr auch Studierende zu Mittag. Für beide Seiten ist das mehr als nur eine günstige Mahlzeit.
Dienstag, kurz nach zwölf, im Speisesaal des Seniorenheims „Am Kiessee“. An einem Tisch am Fenster sitzt Waltraud Siemsen, 84 Jahre alt, neben ihr Joscha Heidkamp, 23, der in Göttingen Agrarwissenschaften studiert. Es gibt Linsensuppe, und die beiden diskutieren gerade über Fußball. Joscha kommt zweimal in der Woche hierher. Für Suppe, Hauptgericht und Nachtisch bezahlt er drei Euro, in der Mensa der Universität wäre es kaum billiger.
Die Idee hatte die Leiterin des Hauses, Corinna Pfaff. „Viele unserer Bewohnerinnen und Bewohner bekommen nur selten Besuch. Und viele Studierende haben wenig Geld und kochen nicht gern allein“, sagt sie. Damit die Küche planen kann, muss man sich online anmelden, spätestens am Vortag bis 16 Uhr. Eine Regel ist Frau Pfaff besonders wichtig: Einen eigenen Tisch für die jungen Gäste gibt es nicht. Wer kommt, setzt sich zu den Bewohnern.
Inzwischen stehen rund vierzig junge Leute auf der Liste, mehr Gäste schafft die Küche nicht. Aus manchen Tischgesprächen ist mit der Zeit mehr geworden: Einige Studierende begleiten Bewohner am Nachmittag zum Arzt oder lesen ihnen aus der Zeitung vor. Frau Siemsen hat Joscha sogar zu ihrem Geburtstag eingeladen. Nicht alle im Haus waren am Anfang begeistert, manchen war es im Speisesaal plötzlich zu laut. Für sie gibt es jetzt mittags einen ruhigeren Raum nebenan.
aus einer deutschen Zeitung